DIE WUNDERBAREN KARTÖFFELCHEN DER ZIA BRUNA

Wir gingen
nicht ins Ristorante «SAPORE*», wir sagten: wir gehen zu Zia Bruna!

Zia Bruna
kochte nämlich im «SAPORE» und zwar so ziemlich im Alleingang. Der Padrone nahm die Complimenti entgegen, aber gekocht hat die Zia (= Tante). Es gab keine Karte, es gab, was Zia Bruna gerade kochte, es gab, was frischer nicht sein konnte: hausgemachte Pasta vom Feinsten, Salsa verde, Puntarelle von CatalognaBrasato, Involtini, Risött’
Ihre Kartöffelchen, mit klein geschnittenem Gemüse geschmort, gab es oft. Und sie schmeckten mir immer besser.
Es galt also herauszufinden, wie diese Köstlichkeit zubereitet wird.

Zia Bruna
war eine kleine, eher unscheinbare Frau. Alter? Schwer zu schätzen, aber ziemlich alt.
Sie trug keine Kochbluse, sondern eine blaue Kittelschürze und ausser einer Nichte, die den Abwasch machte, liess sie möglichst niemand in ihre Küche.

Nun ja.
Irgendwie habe ich es doch geschafft. Sozusagen auf dem Latrinenweg. Auf dem Gang zur Toilette hörte ich aus der Küche Musik, besser: eine Opernarie. Ich streckte den Kopf durch die nur angelehnte Küchentüre und fragte «ist das nicht Donizetti?», und Zia Bruna sagt lachend «Appunto!, kennst du das?! Mit Musik kocht es sich doch einfach besser!».
Es war eine Arie aus «La Favorita», Zia Bruna war erstaunt, dass ich diese kannte. Das Eis war gebrochen!

Auf meine Bitte,
ihr einmal zusehen zu dürfen, lud sie mich spontan ein. «Vieni un pomeriggio, abends ’abe ich kein’ Zeit!».
Eines Nachmittags ging ich mit einer Rose in die Küche. Zia Bruna war hin und weg.

Nach einem Glas
Brunello di Montalcino – «incominciamo piano!» – ging es dann zur Zubereitung der «patatine» mit Gemüse.

Die kleinen Kartoffeln
sticht Zia Bruna rundum mit einer Stecknadel mehrfach ein, und zwar so schnell, dass ich gar nicht hinsehen mag, weil ich jeden Moment erwarte, dass sie sich in die Finger sticht. Tut sie jedoch nicht.

Weiter
überbrüht sie Tomaten und zieht deren Haut ab. Schiebt sie zu mir. «Klein schneide’!», fordert sie mich auf. Dem komme ich gerne nach. Sie hackt indessen Zwiebeln und Knoblauch, würfelt Karotten piccolissime und ebenfalls ein paar Pilze.
Alles wird in Olivenöl unter Wenden sanft angebraten.
Wenden? Ja, sie flitzt aber immer wieder zum grossen Tisch, um ein paar Tortellini zu formen, oder eine «bistecca» zu klopfen.

Schliesslich
kommen die kleinen Kartoffeln dazu und alles darf ein knappes Stündchen ganz leise schmoren.
Währenddessen schenkt Zia Bruna vom Brunello nach und verrät mir auch noch, wie sie ihren Brasato zubereitet. «Aber nicht weitersage’!», bittet sie mich, was ich selbstverständlich respektiere. Die Kartöffelchen schon, «das ist ja nur eine ganz einfache ricetta.» Aber allerköstlicht!

Das alles
ist schon eine halbe Ewigkeit her. Zia Bruna weilt längst nicht mehr unter uns. R.I.P.
Ihre wunderbaren Kartöffelchen bereite ich noch heute zu.
Und das Rezept dazu darf ich preisgeben:

PATATE ALLA ZIA BRUNA

Kartöffelchen mit Gemüse
2 Portionen als Beilage
(ich esse diese Menge ab und zu als Hauptgericht)

Einkaufsliste zum Ausdrucken

250 g kleine Kartöffelchen, ca. 10 Stück
200 g Tomaten 
     Kartoffeln ungeschält gut waschen. Mit einer Stecknadel rundum mehrfach einstechen.
     Tomaten schälen, samt den Kernen klein würfeln.

2 Schalotten (oder 1 kleine gelbe Zwiebel)
2 Knoblauchzehen 
1 rote Chilischote, entkernt (nach Belieben)
50 g Stangensellerie [FEL!X: Schnittsellerie]
100 g Karotten
50 g Pilze, z.B. Kräuterseitlinge (siehe Tipp)
     Schalotten, Knoblauch und Chili hacken, mischen. Gemüse in feine Streifen und diese in Brunoise schneiden. Pilze etwas grösser würfeln und separat beiseite stellen.

Kann bis hierher vorbereitet werden!

2 EL Olivenöl
     Schalottenmischung, Sellerie und Karotten auf kleinem Feuer sanft anziehen.
     Hitze leicht erhöhen, Pilzwürfel beigeben, unter Wenden braten, bis die Pilze etwas Farbe annehmen.
     Kartöffelchen dazugeben, kurz mitbraten, das Gemüse darf nicht zuviel Farbe annehmen.

1/2 EL Majoran, getrocknet (oder Rosmarin, gehackt)
Salz, Pfeffer aus der Mühle
     samt den Tomatenwürfeln beigeben, mischen, abschmecken.
     Zugedeckt 45–60 Minuten auf kleinstem Feuer schmoren, bis die Kartoffeln gar sind.

wenig scharf

Tipp: Kräuterseitlinge mit ihren dicken Stielen lassen sich besser würfeln, als Pilze mit dünnem Stiel und grossem Lamellenhut.

* Name geändert. Falls das Lokal noch bestehen sollte, wurde es bestimmt längst von einem dieser «Santa Sowieso»-Restaurant-Konzerne übernommen. Ohne die wunderbaren Kartöffelchen der Zia Bruna, versteht sich.

13 Kommentare Gib deinen ab

  1. lamiacucina sagt:

    Schöne Geschichte! Freuen wir uns auch auf das Rezept für den Brasato. Die Schutzfrist des Urheberrechts erlischt nach 70 Jahren 😉

    Gefällt mir

  2. Susanne sagt:

    Nicht nur schöne Geschichte, sondern auch schönes Rezept. Das wird hier bald auf dem Tisch stehen.

    Gefällt mir

  3. Cooketteria sagt:

    Nichts gegen einen guten Brasato, aber die Kartöffelchen nehme ich auch ohne mit Handkuss. 🙂

    Gefällt mir

  4. Felix sagt:

    Nach 70 Jahren? Da wirst du dich noch etwas gedulden müssen!!!

    Gefällt mir

  5. Felix sagt:

    Du wirst die Kartöffelchen lieben!

    Gefällt mir

  6. Felix sagt:

    Eben! Ich mag sie durchaus auch solo als Hauptgericht!

    Gefällt mir

  7. Barbara sagt:

    Hach! So schöööön! ❤ Wird unbedingt ausprobiert. Danke für dieses wunderbare Rezept-Geschichten-Rezept....!

    Gefällt mir

  8. Felix sagt:

    Rezept mit Geschichte: es gibt so einige, an deren Ursprung ich mich gerne erinnere.
    «Rezept-Geschichten»: im Menü KOCHBUCH werde ich eine neue Rubrik mit allen Zubereitungen, zu denen ich auch eine Geschichte erzähle, aufführen – danke für diese Inspiration, liebe Barbara!

    Gefällt mir

  9. Houdini sagt:

    Schoen beschrieben. Rezepte mit Hintergrund sind interessanter als neutrale, rein sachliche. „Kulinaritaeten“ von Alice Vollenweider und Hugo Loetscher ist ein Kochbuch mit Geschichten, das ich gerne las, und „Es muss nicht immer Kaviar sein“ war fuer mich der erste Roman mit Rezepten, oder waren es nur Menulisten?

    Gefällt mir

  10. Felix sagt:

    Ja, den «Kaviar» von J.M.Simmel habe ich grad kürzlich wieder einmal gelesen. Ich habe eine Ausgabe MIT (sogar bebilderten) Rezepten!

    Gefällt mir

  11. Eine so herrlich erfrischende Geschichte und ein ebenso herrliches Kattoffelgericht, Gottseidank ohne den Rinderschmorbraten. Werde das sogleich dieses WE meinen Freunden präsentieren. Danke Felix

    Gefällt mir

  12. Felix sagt:

    Der Brasato ist ja eine Geschichte für sich, hier geht es lediglich um die Kartöffelchen! Deine Freunde werden begeistert sein, liebe Brigitte!

    Gefällt mir

  13. Houdini sagt:

    Spontan habe ich gestern das Rezept nachkochen wollen. Alles war da ausser Pilze, also gab ich statt dessen 100g klein gewuerfelten Schinken zu und eine Handvoll gruene Oliven fuer zusaetzlichen mediterranen Appeal. Schmeckte auch so wunderbar, aber halt anders. Die Version mit Pilzen, Shitake, wird hier auch mal gekocht werden.

    Gefällt mir

Schreib doch was!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s